Mit ‘bildende Kunst’ getaggte Beiträge

Maler malen Stillleben,
Quitten, Zitronen, Birnen
und so weiter
und manchmal Gemüse und Äpfel
und andere Tomaten
und Coca Cola
und ich schau mir das an
und schreibe ab was ich sehe.

Ich schreibe über jede
Quitte und Zitrone und Birne und Traube.
Ich zähle sie ab
,weil der Leser ja nicht sieht wieviele ich sehe.
Und was bringt das?
„Vollkommen egal“ schreie ich
und schreibe weiter
ab was ich sehe
wie ein Schüler der eine Aufgabe bekommt.

Aber jeder braucht seine Übung, finde ich.
Ein Musiker probt doch auch Stücke
von anderen und ein Sänger singt
aus einem Gesangsbuch und
ein Maler malt eben Stillleben,
oder andere Dinge ab die er so sieht
die sich nicht bewegen und stehen,
sitzen, oder liegen bleiben und
er steht davor und malt
genau und ungenau
mehr, oder weniger abstrakt ab
was da so vor ihm steht,
liegt, sitzt und ihn anschaut
und dann komme ich und
schreibe es ab, damit auch ich was zum Üben habe.

Die andere Übung ist dann wieder
den ganzen Scheiß selbst zu erfinden.
Dann gehe ich hin zum Gemüsefach
im Kühlschrank und hole noch das bißchen Obst
,dass nicht abgelaufen ist
lege es woanders hin, als dort wo es bisher
lag und beschreibe was ich sehe,
aber ich kann es dann nicht mehr ‚Gemälde beschreiben‘ nennen

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Editorial

Veröffentlicht: Juni 16, 2015 in Editorial Archiv
Schlagwörter:,

Seid gegrüßt ihr geschätzten Leser des Lexemtentakels,

es hat lange gedauert, bis ihr wieder etwas von mir lesen dürft bzw., dass ich euch wieder neuen content hier auf den Blog stelle, doch das Warten hat nun endgültig ein Ende.

In den nächsten Tagen werde ich etwas neues versuchen/versuchen lassen. Ich werde den Lexemtentakel um einen Tentakel erweitern: die Kunst. Für mich war die bildende Kunst im ein wichtiger Quell meiner Inspiration, aber obwohl meine Finger die Fähigkeit des 10-Fingersystems besitzen und mein Geist die des Alphabetismus, können meine Hände keine Kunst erzeugen die mein Geist für ästhetisch Wertvoll hält. Deshalb überlasse ich das auch anderen und nutze diese Erzeugnisse zu kontemplativen,
meditativen und inspirativen Zwecken.

Jetzt kommt es dazu, dass mein guter Freund KRI Kammerhofer ein Fenster des Grazer Kult-Beisls und Feinkostgeschäft MILD zur Verfügung gestellt bekam und in diesem eine kleine Schaufenster Galerie namens SCHARF eingerichtet hat. Alle paar Monate bekommt hier ein anderer Künstler die Chance dieses Fenster zu gestalten bzw zu designen.
Aber damit noch nicht genug. Wenn wieder Zeit für eine Vernissage ist, kommt noch ein anderer Mann auf den Plan: Wolfgang Oeggl. Als studierter Philosoph und selbst Dichter ist er mehr als qualifiziert die einführenden Worte der jeweiligen Ausstellungen zu halten. Vielleicht darf ich irgendwann in der Zukunft auch ein paar seiner Gedichte euch präsentieren, aber diesmal steht alles im Zeichen der bildenden Kunst.

Was er zu sagen hat lest ihr am Besten selbst, denn ich möchte nicht derjenige sein, der euch euren Trip in die Welt der Kunst spoilt. Die Texte in nicht chronologischer Reihenfolge findet ihr hier:

Renate Krammer

ILA

Peter Angerer

Markus Guschlbauer

Severin Hirsch

Viel Spaß beim Lesen wünscht euch

eurer LeXeMtEnTaKeL

„»Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.« Dies sind Worte Goethes, mit denen, als mit einem herzhaft ausgedrückten Ceterum censeo, unsere Betrachtung über den Wert und den Unwert der Historie beginnen mag. In derselben soll nämlich dargestellt werden, warum Belehrung ohne Belebung, warum Wissen, bei dem die Tätigkeit erschlafft, warum Historie als kostbarer Erkenntnis-Überfluß und Luxus uns ernstlich, nach Goethes Wort, verhaßt sein muß – deshalb, weil es uns noch am Notwendigsten fehlt, und weil das Überflüssige der Feind des Notwendigen ist.“ (Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. In: ders., Unzeitgemäße Betrachtungen. Berlin 2014. S. 59.)

Die Geschichte hat keinen Anfang und kein Ende. Sie ist stets das Produkt vorausgegangener Ereignisse und der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und Anschauungen. Seit Thukydides hat sich die Geschichtsschreibung die Aufgabe einer objektiven Sichtweise auf historische Ereignisse gestellt. Was aber ist das Objekt der Betrachtung?
Als Essenz historischer Betrachtungen bleiben stets Zahlen und Fakten, Orte und gewichtige Persönlichkeiten als Eckdaten bestehen. Die persönlichen Schicksale der Menschen, die durch ihren Einsatz dazu beitragen, dass Geschichte überhaupt erst produziert wird, gehen zumeist über kurz oder lang verloren. Geschichte (als gemeinsames geistiges Kapital) verhält sich analog zum Markt: ein elitär ausgewähltes und beworbenes Erzeugnis, das von vielen Namenlosen produziert wird, von dem wiederum nur wenige profitieren und in Erinnerung bleiben. Geschichte wird so zu einem sozialen Konstrukt, das eine Wirklichkeit identifikatorischen Charakters im Nachhinein produziert und Kontradiktorisches im Vorhinein auszuschließen versucht. Sich Geschichte als gemeinsame Vergangenheit anzueignen ist gleichbedeutend mit kritiklosem, unhinterfragtem Konsum.
Es geht dabei um eine Inszenierung des Objektes, um die Vermarktung eines Produktes, das massenattraktiv und glaubwürdig erscheint. Geschichte als „kollektives Gedächtnis“ wird so zum Mythos, einem ideologischen Instrument der kollektiven Verführung. „Eine Funktion der Ideologie besteht darin, die gesellschaftliche Wirklichkeit ,natürlich’ zu machen, sie als so unschuldig und unveränderlich wie die Natur selbst erscheinen zu lassen. Die Ideologie versucht Kultur in Natur zu verkehren, und das ,natürliche’ Zeichen ist eine ihrer Waffen. Vor einer Flagge zu salutieren oder mit der Ansicht übereinzustimmen, dass die westliche Demokratie die wahre Bedeutung des Wortes ,Freiheit’ repräsentiert, wird zur selbstverständlichsten, spontansten Reaktion der Welt. In diesem Sinne ist Ideologie eine Art moderner Mythologie, ein Bereich, der sich von Zweideutigkeit und alternativen Möglichkeiten gereinigt hat.“ (Terry Eagleton, Einführung in die Literaturtheorie. Stuttgart, Weimar 1994. S. 119f.)
Sofern Geschichte in der Haltung intellektueller Eitelkeit und belehrenden Wissens verbleibt, darf ihr – mit Nietzsche gesprochen – jeglicher gesellschaftlicher Nutzen abgesprochen werden. Weil aber die Geschichte niemals zu Ende geht und sich stets aufs Neue (re-)produziert, gibt sie uns die Möglichkeit, auf ihr als Handlungsorientierung aufbauend zu agieren und selbst Geschichten zur Geschichte zu schreiben.
„Es ist wahr: erst dadurch, daß der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend, zusammenschließend jenes unhistorische Element einschränkt, erst dadurch, daß innerhalb jener umschließenden Dunstwolke ein heller blitzender Lichtschein entsteht – also erst durch die Kraft, das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem Übermaße von Historie hört der Mensch wieder auf, und ohne jene Hülle des Unhistorischen würde er nie angefangen haben und anzufangen wagen. Wo finden sich Taten, die der Mensch zu tun vermöchte, ohne vorher in jene Dunstschicht des Unhistorischen eingegangen zu sein?“ (Nietzsche, S. 63.)

„Wenn es nämlich wahr ist, daß die Natur den Menschen ausgestoßen hat und die Gesellschaft fortfährt, ihn zu unterdrücken, so kann der Mensch zumindest zu seinen Gunsten die Pole des Dilemmas umkehren und die Gesellschaft der Natur wieder aufsuchen, um in ihr über die Natur der Gesellschaft wieder nachzudenken.“ (Claude Lévi-Strauss in seinem Genfer Rousseauvortrag, in: ders., Strukturale Anthropologie II, S. 52.)

In Jean-Jacques Rousseaus Denken war der Freiheitsbegriff von zentraler Bedeutung, dessen Verwirklichung er jedoch nur in einer Abwendung von der Gesellschaft hin zur Natur fand. Rousseaus Leben war geprägt von der ständigen Suche nach dem Ich, nach Authentizität, nach der vollständigen Übereinstimmung von eigenem Denken und Sein. Diese Sehnsucht sah er nur im Alleinsein in der Natur realisierbar, fernab von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen. Im ersten Satz seiner „Träumereien eines Spaziergängers“ drückt sich bereits der Übergang von der Bedrückung zur Befreiung aus: „Ich bin jetzt also allein auf dieser Erde und habe keinen Bruder, keinen Nächsten, keinen Freund, keine Gesellschaft mehr außer mir selbst.“
In einer „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord), in der jeder Mensch nur seine zugewiesene Rolle spielt, in der eine Überbordung von Begriffen und Symbolen stattfindet, in der jeder „Charlie“ sein will, auch wenn er nie zu etwas Stellung nehmen würde, bleibt kein Platz für eine Wanderschaft zur Selbstfindung, zur individuellen Selbstentfaltung. Die eigenen Vorstellungen, die Fremdvorstellungen und die kulturellen Vorstellungen über das Leben und die Beschaffenheit der Welt, kurzum die nicht restlose Abbildbarkeit von Denken und Sein, produzieren einen Reflexions- oder Signifikantenüberschuss. „Jener Reflexionsrest aber, der sich in der Identität von Denken und Sein nicht zur Deckung bringen läßt, produziert jene ‚Unruhe‘, die sich als dialektischer Prozeß manifestiert und das Denken von einem Begriff zum nächsten treibt.“ (Gotthard Günther, Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik. S. 28.) Wir sind Getriebene, Treibgut in einem uferlosen Fluss, der im Überfluss untergeht. Bewegung wird zum Trugbild für Wachstum, Rastlosigkeit und Hektik.
Das Spektakel macht auch vor der Kunst nicht halt und/oder die Kunst kann und darf sich dem Spektakel nicht (v)erwehren. Markus Guschelbauers Bildarrangement „Über Berge und Täler“ spielt mit der Sehnsucht nach Authentizität, nach Einfachheit, der Suche nach dem inneren Archiv der Landschaften, der Stille, des romantisierenden Alleinseins, des Mit-Allem-Eins-Sein, nach der Verbundenheit zu und der Geborgenheit in der Natur – im Wissen des Dilemmas, dass die Sehnsucht nach der Gesellschaft der Natur erst durch die „Natur“ der Gesellschaft erzeugt wird, dass erst das Bewusstsein der menschlichen Existenz als Gesellschaftswesen die Suche einem verloren geglaubten Ursprung als „reine“ Natur hervorbringt.

„Es ist seltsam, wie der Lauf der Zeit jedes Werk – und also jeden Menschen – in Fragmente verwandelt. Nichts Ganzes überlebt – genau wie in der Erinnerung, die immer nur aus Trümmern besteht und sich immer nur über Fälschungen präzisiert.“
(Peter Angerer zitiert Paul Valéry aus Botho Stauß’ „Der Aufenthahlt“)

Zitate haben die Eigenschaft, aus einem Kontext herausgelöst zu sein, ein Eigenleben zu führen, das keinem pars pro toto entspricht und oftmals in einem Zusammenhang benutzt zu werden, der ihrer ursprünglichen Intention als Gesamtaussage sogar widerspricht. Doch inwiefern unterscheidet sich das Zitat damit von anderen Repräsentationsformen?
Repräsentationen sind Zeichen, die durch reflexive Vorgänge des Bewusstseins produziert und perzipiert werden, also Zeichen, die ohne Einbettung in einen kulturellen Kontext keine Bedeutung für soziale Interaktion haben. Der kulturelle Rahmen ist die Struktur, die unsere sinnlichen Erfahrungen ordnet und begrenzt: rationalisiert. „Die Struktur gestattet dem Sichtbaren, indem es sie begrenzt und filtriert, sich in Sprache zu transkribieren. … Aber die so erhaltene Beschreibung ist nichts weiter als eine Art Eigenname. Sie lässt jedem Wesen seine strenge Individualität und formuliert weder die Übersicht, zu der es gehört, noch die Nachbarschaft, die es umgibt, noch den Platz, den es einnimmt. Sie ist schlicht und einfach Bezeichnung.“1
Die Wirklichkeit ist ein soziales Konstrukt, das unsere sinnlichen Wahrnehmungen auf die (zum Überleben) notwendigen Informationen hin filtert und selektiert. Wie ein Zitat, das uns auf der Seite eines Buches ins Auge sticht. Das bedeutet nicht, dass die übrigen Informationen aus der Umwelt verloren gehen, aber sie werden eben nicht im (aktiven) Bewusstsein gespeichert und sind somit nicht abrufbar, nicht wiederholbar – sie gelangen nicht als Re-Präsentationen, als Zeichen ins Bewusstsein. Erinnern heißt die zur Repräsentation gewordenen Wahrnehmungsinhalte wieder als Zeichen abzurufen: als Bilder, als Sprache. Dabei wiederum kann sich auch die Identität der Erinnerungen verändern, da „im erneuten Konsolidierungsprozess auch der Kontext, in dem das Erinnern stattfand, mitgeschrieben und der ursprünglichen Erinnerung beigefügt wird.“2 Geschichte ist demnach eine Schichtung, eine Überlagerung von Erinnerungen, die sich im Akt des Erinnerns verändert.
Durch die Schrift und das Bild als Exteriorisierung des Gedächtnisses, als externes Speichermedium hat die Festschreibung der Erinnerung, der Geschichte scheinbar statischen und kollektiven Wert erhalten. Doch öffentliche Kontrolle und Zensuren betreiben auch hierbei eine Informationsselektion. Vergangenes und Gegenwärtiges bleiben so ein Zitat, ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Die uneingeschränkte, vollkommene Präsenz des Menschen in der jeweiligen Gegenwart wirkt als Mythos, als Paradies, von dem wir dadurch abgehalten werden, dass wir die Wirklichkeit nur durch selektierte Wahrnehmungen und selektive Repräsentationen, durch interpretierte Zeichen, durch Aus-Schnitte, durch Zitate wahrnehmen.

“Ich unterscheide zwischen Zukunft und ‘Avenir’, der zukünftigen Zeit. Zukunft ist das, was morgen, später, im nächsten Jahrhundert sein wird – das, was absehbar ist, was geschehen wird. Es gibt also eine vorprogrammierte, vorhersehbare Zukunft, die festgelegt, vorgeschrieben, das heißt irgendwie geplant und absehbar ist. Ich bevorzuge das Wort ‘Avenir’, das Kommende, die zukünftige Zeit, denn es bezieht sich auf jemanden oder etwas, das kommt und das in seiner Ankunft nicht vorhersehbar ist. Für mich ist das die wahre Zukunft. Das Unvorhersehbare. Das oder der Andere kommt, ohne, dass ich es oder ihn erwarte. Wenn es also eine wahre Zukunft jenseits der Zukunft gibt, dann ist es die zukünftige Zeit im Sinne des Kommenden des Anderen, und zwar dann, wenn ich es nicht vorhersehen kann.” (Jacques Derrida)

Als Menschen wollen wir immer wissen. Wissen, was war, wissen was sein wird. Der gesamte wissenschaftliche und wirtschaftliche Apparat zielt auf eine Prognostizität, eine Vorhersage der Zukunft ab. Die Sorge um die Zukunft, die Vorsorge, ist aber zugleich auch eine Vorwegnahme der Zukunft. Etwas, das eintreffen muss, weil wir darauf hin arbeiten. Die Vorsorge, die Perspektive eines nach vorne gerichteten Blickes, die Rastlosigkeit durch eine unaufhaltsam davoneilende Zeit, nimmt uns die Sorge um die Gegenwart, den Augen-Blick auf das Hier und Jetzt: die Basis, die existentielle und soziale Grundlage für eine Zukunft, die eintreffen soll, aber durch unser Handeln selbst behindert wird.
In den Natur- und Sozialwissenschaften ist die Erwartungshaltung bezüglich der Messergebnisse bzw. einer zukünftigen Voraussage längst in Kritik geraten. Der Experimentatoreffekt (oder Experimentator-Erwartungs-Effekt) besagt, dass schon durch die Auswahl der Messinstrumente die Messergebnisse verändert werden und in der Heisenbergschen Unschärferelation wird der Einfluss der Beobachtungssituation auf das beobachtete System berücksichtigt. Nichts anderes findet auch im menschlichen Gehirn statt, in dem über unsere eingeschränkten Sinnesorgane nur Ausschnitte einer Wirklichkeit durch Nervenimpulse in einem selektierenden Gehirn in eine symbolische (Ein-) Ordnung gebracht werden, die soziokulturell geprägt ist. Das Gehirn selbst korrigiert alle Unklarheiten und Störelemente. Hegel brachte das Denken als Zeichen produzierendes Gedächtnis wieder zu Ehren, das heißt: unsere Wahrnehmungen werden durch unser Wissen erkannt.
Die „Self Fulfilling Prophecy“, also das prophezeite Eintreffen von Ereignissen, findet nur deshalb statt, weil das vorausgesagte Ergebnis bereits kommuniziert wurde. Die Idee, dass diese Theorie als Unterscheidungsmerkmal zwischen Sozialwissenschaften/Psychologie und den Naturwissenschaften zutrifft, wurde von Popper im „Elend des Historizismus“ widerlegt: „Eine der Ideen […] war der Einfluss einer Vorhersage auf das vorhergesagte Ereignis. Ich hatte dieses Phänomen den „Ödipus-Effekt“ genannt, weil die Voraussage des Orakels in der Reihenfolge der Ereignisse, die zum Eintreffen seiner Prophezeiung führten, eine äußerst wichtige Rolle spielte.“ Kurzum: die Voraussage stört die (natürliche) Ereignisfolge.
Es gibt zu viele Störfaktoren, zu viele Unbekannte, zu viele Variablen, um exakte wissenschaftliche Prognosen abzugeben. Wir müssen uns vielmehr der Frage stellen, ob wir als Menschen auf einem gemeinsamen Weg in die Zukunft gehen wollen oder gewaltsam weiter daran arbeiten, dass die Zukunft zu uns kommt. Wer was über die Zukunft wissen will, kann genauso gut das Orakel befragen.

„Der unbewußte Text ist schon aus reinen Spuren und Differenzen gewoben, in denen Sinn und Kraft sich vereinen; ein nirgendwo präsenter Text, der aus Archiven gebildet ist, die immer schon Umschriften sind. Ursprüngliche Stiche. Alles fängt mit der Reproduktion an. Immer schon, das heißt Niederschlag eines Sinns, der nie gegenwärtig war, deren bedeutete Präsenz immer ‚nachträglich‘, im nachhinein und zusätzlich [supplémentairement] rekonstituiert wird.“1
Freud bezeichnet den Vorgang der Überschreitung vom Unbewussten ins Bewusstsein als „Bahnung“, als Kraft der Schrift. Diese Schrift allerdings entspricht nicht der herkömmlichen Schrift, sondern ist Metapher für das gewaltsame Sich-Einschreiben eines nachträglichen Sinns durch ihr alleiniges Vermögen der Wiederholung. Dieser Bewusstseinsakt der Bahnung, der Sinngebung, der ebenso einem neurologischen Vorgang entspricht, bedeutet Verräumlichung und Verzeitlichung in eben diesem Vermögen der Wiederholung, das heißt: der Versprachlichung. „[E]in reines Idiom ist keine Sprache, es wird erst zur Sprache, indem es sich wiederholt; die Wiederholung verdoppelt immer wieder schon den Anbruch des ersten Mals.“2 Das Gedächtnis hängt von Fortwirkung, also der Häufigkeit der Wiederholung, und der Intensität eines Erlebnisses ab. „Die Anzahl der Wiederholungen fügt sich also zur Erregungsquantität […] hinzu; diese beiden Quantitäten entstammen zwei absolut heterogenen Ordnungen. Wiederholungen gibt es nur als diskrete; sie wirken als solche nur durch den Zwischenraum, der sie auseinanderhält.“3
Die Bahnung als Schrift, als Metapher einer Schrift, als Linie, als Leer- oder Zwischenraum, als Linearität, als Iteration, als ein gewaltsam gebahnter Weg durchs Dickicht, als Routine, als das Einschreiben von Sinn, als bedeutungsgebender Akt vollzieht sich im Übergang von Natur zu Kultur, von Instinkt zu Bewusstsein. Die Schrift als geschriebenes Wort wird selbst zur Metapher: als Verräumlichung des Bewusstseins, als Möglichkeit der Wiederholung, als Ausrichtung der Zeit entlang einer Linie, als Weg aus der Vergangenheit in die Zukunft. Dazwischen liegen Leerräume, Leerstellen, Raum, um uns selbst einzuschreiben, einzubringen, Bedeutung zu geben und hinter die Verschleierung der Wahrheit zu blicken.